Die Reise deines Lebens

Sandra Cugier, Juli 2006

Lieber Freund

Die Reise deines Lebens ist gestern zu Ende gegangen. Es tut weh, wenn ich daran denke, nie wieder Post von dir zu erhalten; es schmerzt zu wissen, dass wir nicht genug Zeit hatten, uns persönlich kennenzulernen.

Wenn ich an den Anfang unserer Freundschaft zurückdenke, dann fällt mir der erste Brief ein, den ich dir zugeschickt habe. Das ist ein gutes halbes Jahr her. Ich war damals sehr unsicher, ob du mir überhaupt zurückschreiben würdest. Es war zum damaligen Zeitpunkt nicht klar, ob wir uns verstehen würden und was sich aus diesem Briefkontakt entwickeln könnte.

Mittlerweile weiss ich, dass es eine der besten Entscheidungen in meinem Leben war, dir zu schreiben und mit dir Kontakt aufzunehmen.

Ich hab so viel gelernt von dir. Mit deiner offenen, fröhlichen Art zu schreiben hast du mich jedes Mal wieder aufs Neue überrascht. Du hast immer gesagt: "I'm still laughing and smiling, don't worry about me!"

Ja, wie könnte ich dieses "don't worry about me" vergessen. Du hast sogar wenige Tage vor deinem Tod lustige Anekdoten aus deinem Alltag erzählt. Du hast mich zum Lachen gebracht, als es mir stimmungsmässig nicht so gut ging; du hast mich aufgemuntert und du hast mir zugehört. Wir haben viele schöne Momente miteinander verlebt und ich bin so dankbar, dass ich dich in diesem Leben kennenlernen durfte.

Ich hab dich mal gefragt, was dir in deinem Leben wichtig ist momentan. Du hast geantwortet, dass du einen zehnjährigen Sohn hast, der dir sehr am Herzen liegt und du hast mir anvertraut, dass du Angst hast, ihn nie mehr wiederzusehen. "Weisst du, San", so begann dein Brief, "ich hab Angst, dass er böse ist auf mich. Nach all dem was passiert ist, vermisse ich ihn und er umgekehrt sicher auch. Ich fürchte mich davor, dass er ein schlechtes Bild von seinem eigenen Vater hat, dass er mich hasst. Wenn ich doch nur einmal noch die Chance hätte, ihm von Angesicht zu Angesicht darzulegen, was damals passiert ist...vielleicht hätte ich dann die Chance, etwas wieder gutzumachen."

Du hast mich mit diesen Worten damals zum Nachdenken gebracht und ich hab mir sorgfältig überlegt, was ich dir zu diesem Thema zurückschreiben könnte. Mir fiel nichts besseres ein als: "Dein Sohn hasst dich sicher nicht. Du wirst schon sehen, wenn er älter ist, wird er vielleicht besser verstehen. Du bist sein Vater und das wirst du auch immer sein - und das wird er auch nicht vergessen."

Ich weiss nicht mehr, wie oft wir über ein Leben in "Normalität" ausserhalb der Gefängnismauern geredet haben. Ich hab dir viel von meinem Alltag erzählt und du hast mir manchmal sogar Tipps oder Ratschläge gegeben, wenn ich nicht mehr weiterwusste. Umgekehrt hab ich dir zugehört, wenn du einen schlechten Tag hattest - aber dies passierte nicht oft, vielleicht ein oder zweimal. Eigentlich warst du eine Frohnatur und ein intelligenter, junger Mann.

Du hast in einem deiner letzten Briefe geschrieben, dass du glaubst, wir wären uns in einem früheren Leben schon einmal begegnet. Du hast das gesagt, weil du wusstest, wie gut wir uns auch ohne viel Worte verstanden.

Jetzt, wo du nicht mehr hier bist, denke ich noch oft daran - und ich glaube, du hast Recht. Ich hatte auch immer das Gefühl, als würde ich dich von irgendwoher kennen. Du warst mir immer schon sehr vertraut und dieses Gefühl verstärkte sich, als ich dich näher kannte.

Und jetzt? Jetzt bist du nicht mehr hier.

Ich kann dir nicht sagen, wie unruhig und rastlos ich in den letzten 24 Stunden war. Ich dachte wirklich, du würdest es schaffen, einen Aufschub zu bekommen.

Eigentlich sah es anfangs gar nicht schlecht aus für dich: Du bekamst nochmals eine letzte Anhörung vor Gericht fünf Tage vor deiner Exekution.

Doch, es hat nichts genützt. Deine Zeit war gekommen. Jeder von uns muss mal gehen und ich glaube, dass wir uns eines Tages wiedersehen werden - wenn meine Zeit da ist.

Ich möchte dir hiermit einfach nochmal "Danke" sagen für alles, was du mir - bewusst oder unbewusst - an Freundschaft mitgegeben hast. Du warst ein warmherziger, liebevoller Mensch und ich fühlte mich dir angetan wie eine Schwester zu ihrem Bruder.

Ich bin in der Nacht deiner Hinrichtung wie aus einem schlechten Traum erwacht, doch ich hatte irgendwie das Gefühl, du seist bei mir und würdest mir Gesellschaft leisten.

Du bist auch jetzt nicht einfach weg. In den Herzen deiner Familie und Freunde wirst du weiterleben - und in meinem hast du einen ganz besonderen Platz errungen.

Es war wunderbar, dich zu kennen. Ich vermisse dich jetzt schon.

Deine dich liebende Brieffreundin

Sandra




Anmerkung:

Mauriceo M. Brown (31) wurde am 19. Juli 2006 vom Staate Texas hingerichtet.

Fünf Tage vor seiner Exekution wurde von seinem Anwalt versucht, einen Aufschub zu bekommen.

Mauriceo war wegen dem Mord an Michael LaHood (1996) zu Tode verurteilt worden.